Von Leo Booth

Ich war vom ersten Moment an da,
im Adrenalin, das durch die Adern deiner Elter floß,
als sie sich liebten um dich zu empfangen,
und später in der Flüssigkeit ,
die deine Mutter in dein kleines Herz pumpte,
also du noch nichts weiter als ein Parasit warst.

Ich kam zu dir, noch bevor du sprechen konntest,
bevor du auch nur irgendetwas verstehen konntest
von dem, was die anderen dir sagten.
Ich war schon da, als du ungeschickt deine ersten
Schritte unternahmst, vor den vergnügt belustigten Augen aller.
Als du unbeschützt und ausgesetzt warst,
als du verletzbar und bedürftig warst.

Ich trat in dein Leben, wie ein magischer Gedanke,
in meiner Begleitung waren...
der Aberglaube und die Beschwörungsformeln,
die Fetische und Amulette....die guten Manieren, die Gewohnheiten, die Tradition
deine Lehrer, deine Geschwister und deine Freunde...

Bevor du wusstest, dass es mich gibt, teilte ich deine Seele in eine helle
und einen dunkle Welt.
Eine Welt mit dem, was gut, und eine mit dem, was nicht gut ist.

Ich brachte dir das Schamgefühl,
ich zeigte dir all das Schadhafte an dir,
das Hässliche,
das Dumme,
das Unangenehme.
Ich klebte dir das Etikett "anders" auf,
ich sagte dir zum ersten Mal ins Ohr,
dass etwas ganz und gar ncht gut lief bei dir.

Ich existierte schon vor der Bewusstwerdung,
schon vor der Schuld,
vor der Moral,
mich gibt es seit Beginn der Zeitrechnung,
seitdem Adam sich für seinen Körper schämte,
als er dessen Nacktheit bemerkte und sie bedeckte.

Ich bin der ungeliebte Gast,
der unerwünschte Besucher,
und trotzdem bin ich der erste der kommt, und der letzte, der geht.
Ich bin mit der Zeit mächtig geworden, indem ich die Ratschläge
deiner Elter befolgte, darüber, wie man im Leben Erfolg hat.

Indem ich die Gebote deiner Religion beachtete,
die dir sagen, was du zu tun und lassen hast,
um in Gottest Schoß aufgenommen zu werden.
Indem ich die grausamen Scherze deiner Schulkameraden erlitt,
wenn sie sich über deine Schwächen lustig machten. Indem ich die Erniedrigungen deiner Vorgesetzten ertrug.
Indem ich dein unansehnliches Spiegelbild betrachtete und es anschließend
mit Berühmtheiten verglich.

Und jetzt, endlich,
mächtig wie ich bin, und durch die einfache Tatsache, dass ich eine Frau bin,
dass ich schwarz bin, dass ich Jude bin, dass ich homosexuell bin, das ich
Orientale bin, dass ich unfähig bin, dass ich groß, klein, dick bin...
kann ich mich in einen Haufen Müll verwandeln, in Abschaum, in einen
Sündenbock, in den Universalschuldigen, in einen verdammten
abzulehnenden Bastard.
Generaltionen von Männern und Frauen halten mir die Stange.
Du kannst dich nicht von mir lösen.

Das Leid, das ich verursache, ist so erdrückend, dass du mich, um es zu ertragen,
an deinen Kinder weiterreichend musst, damit sie mich an die ihren reichen,
von Jahrhundert zu Jahrhundert.

Um dir und deinen Nachkommen zu helfen,
werde ich mich als Perfektion verkleiden, als hohe Ideale, Selbstkritik, Patriotismus,
Moralität, gute Gepflogenheit, als Selbstkontrolle.

Der Schmerz, den ich dir verursache, ist derart strak, dass du mich verleugnen willst,
und deshalb wirst du versuchen mich hinter deinen Persönlichkeiten zu verstecken,hinter Drogen, hinter deinem Kampf ums Geld, hinter deiner Neurose, hinter deiner unterdrückten Sexualität. Aber egal was du tust,egal wohin du gehst,
Ich werde dort sein, immer.
Denn ich reise mit dir, Tag und Nacht, ununterbrochen, grenzenlos.

Ich bin die Hauptursache für Abhängigkeit,
des Beitzanspruchs, der Anstrengung, der Unmoral, der Angst, der Gewalt, des
Verbrechens, des Wahnsinns.

Ich werde dich die Angst vor Zurückweisung lehren
und dein Leben dieser Angst anpassen.
Von mir bist du abhängig, wenn du weiterhin diese begehrte, gewünschte
Person sein willst, die gefeiert, freundlich und angenehm,
die du heute den anderen vorführst.
Von mir hängst du ab, denn ich bin die Truhe, in der du die unangenehmen Dinge versteckst, die lachhaftesten, die unerwünschten deiner selbst.

Dank mir hast du gelernt, dich mit dem zufriedenzugeben, was das Leben dir gibt,
denn was dir auch widerfährt, wir immer mehr sein,als das, was du glaubst zu verdient zu haben.

Ich bin....das Gefühl der Ablehnung,das du dir selbst gegeüber hegst.

Erinnerst du dich an unsere Geschichte...

Alles begann an jenem grauen Tag, an dem du aufhörtest stolz
"ich bin!"
zu sagen. Und beschämt und ängstlich senktest du den Kopf und ändertest
deine Worte und dein Handeln, gemäß dem Gedanken:
"Ich sollte sein."


(von Leo Booth "Ablehnung")

3.10.07 20:59

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